Kulturelle Vielfalt

„Kulturelle Vielfalt“


Zeitschrift für Museum und Bildung, 82-83/2017

Münster/Berlin: LIT-Verlag 2017, 29,90 EUR

ISBN 978-3-643-99772-2

 

 

(md) Das Zusammentreffen verschiedener Kulturen in der Einwanderungsgesellschaft der Bundesrepublik ist kein neues Faktum, hat aber seit der „Flüchtlingswelle“ 2015 ein starkes gesellschaftliches Konfliktpotential entwickelt und berührt überdies die Arbeit von Kultur- und Bildungsinstitutionen in besonderem Maße. Grund genug für ein Themenheft der Zeitschrift für Museum und Bildung, in dem theoretische Beiträge zu verschiedenen Kulturbegriffen und Berichte aus praktischen pädagogischen Arbeitsfeldern zusammengestellt wurden.

Wolfgang Welsch erinnert daran, dass unser traditioneller Kulturbegriff aus dem späten 18. Jahrhundert und der damaligen nationalstaatlichen Bewegung stammt. Herder hat ihn im Modell einer Kugel veranschaulicht, die nach innen homogen und nach außen geschlossen sich abgrenzt. Welsch zeigt auf, dass Völker und Kulturen sich seit jeher vermischt haben und der nationalstaatliche Kulturbegriff ein ideologisches Konstrukt ist. Dagegen setzt Welsch den Begriff der Transkulturalität, der Kulturen als vernetzt und verflochten betrachtet. Allerdings habe die Transkulturalität durch Kapitalismus und Globalisierung in den letzten Jahrzehnten in ihrem Ausmaß stark zugenommen und dadurch Ängste und Gegenbewegungen ausgelöst. Welsch betont die normative Kraft unserer Kulturbegriffe und mahnt hier einen verantwortungsvollen Umgang an: „Die Kultur wird ein Stück weit so werden, wie unsere Kulturbegriffe es vorschlagen“. (28)

Ulrich Steuten befasst sich mit dem „Beitrag des Fremden“ zum kulturellen Kapital der Einwanderungsgesellschaft. Kulturelle Vielfalt werde zunächst als Bereicherung und exotische Abwechslung empfunden. Mit Rekurs auf Georg Simmel sei der Fremde sogar Impulsgeber sozialen Wandels. Dennoch verbleibt die Gesellschaft ambivalent und trennt erwünschte und unerwünschte Fremde. Steuten schließt mit einem Zitat von Enzensberger „Fremde sind umso fremder, je ärmer sie sind“. (40)

Wie „interkulturelle Kompetenz“ definiert und vermittelt werden kann, reflektiert Dominik Egger von der Universität Würzburg, wo bereits seit 2008 unter dem Titel „Globale Systeme und Interkulturelle Kompetenz“ ein Lehrprogramm für Studierende aller Fachrichtungen angeboten wird. Eine Gleichsetzung mit allgemeiner Sozial- und Handlungskompetenz reiche nicht aus, vielmehr müsse eine reflexive Haltung gegenüber dem Fremden eingenommen und ein Bildungsprozess angestoßen werden.
Kritische Selbstreflektion wird auch in anderen Beiträgen des Bandes, die sich mit interkultureller schulischer Pädagogik und Jugendarbeit befassen, als eine wesentliche Grundkompetenz herausgestellt. An das pädagogische Handeln werden in der Migrationsgesellschaft völlig neue Anforderungen gestellt, „Homogenisierungs- und Normalitätsvorstellungen“ müssten aufgegeben, „diversitätssensible, diskriminierungskritische“ Haltungen entwickelt und vermittelt werden (Karakasoglu).

Hermann Stöcker erklärt entwicklungspsychologisch die Angst vor dem Fremden und entwickelt Lösungsansätze für schulische Konflikte. Sich in die Perspektive der Schüler zu versetzen und dabei die eigenen Ängste und Gefühle zu reflektieren ist hier eine Basisstrategie. Hinzu kommt eine „akzeptierende Kontakt- und Gesprächskultur“ (Nitsch), die insbesondere in der Partnerschaft von Schulen mit Eltern Geflüchteter gepflegt werden müsse. Auch in der Jugendarbeit gibt es den Ansatz der grundlegenden Akzeptanz, um gefährdete Jugendliche zu erreichen. Aufsess und Eren-Wassel zeigen am Beispiel des Modellprojekts jamil in Bremen wie muslimische Jugendliche in ihren religiösen Bedürfnissen ernst genommen und ihnen Alternativen zu radikalen und demokratiefeindlichen Positionen nahegebracht werden.

Nur zwei Beiträge des Bandes befassen sich konkret mit Museumsthemen: Elisabeth Tietmeyer stellt mit Gerhard Goders Skulptur „Conchita Wurst auf der Mondsichel“ ein Exponat vor, welches das Museum Europäischer Kulturen, Berlin 2014 erworben hat. Die Skulptur reflektiere unsere plurale Gesellschaft und neue Kulturphänomene mit Rekurs auf historisch-religiöse Topoi. Löringhoff und Ritter erläutern am Beispiel des Museums der 50er Jahre in Bremerhaven, wie durch emotionale Zugangsweisen bei den Besuchern eine „Gedächtnisarbeit“ und ein „Generationengespräch“ in Gang gebracht und eine Auseinandersetzung mit den Verdrängungsmechanismen der Wirtschaftswunderzeit erreicht werden soll.

Der vorliegende Band bietet viele Anknüpfungspunkte für die museale Vermittlungsarbeit sowohl im Hinblick auf die eigene kulturelle Selbstreflexion als auch im Hinblick auf Voraussetzungen für eine Ansprache kulturell diverser Zielgruppen. Allerdings müssen die Leser diesen Transfer selbst noch leisten, da die meisten Beiträge sich nicht auf museumspädagogische Aufgaben und Arbeitsbedingungen beziehen. Inwiefern die geschilderten Herausforderungen für Bildungs-und Erziehungsaufgaben in der Einwanderungsgesellschaft kurz- und mittelfristig in der pädagogischen Ausbildung verankert werden können, erscheint bereits als relativ anspruchsvoll. Wie die interkulturelle Kompetenz auch im Anforderungsprofil für Museumspädagogen durchzusetzen wäre, deren Ausbildung im Vergleich zu den Schulpädagogen nicht annähernd so institutionalisiert ist, wird an keiner Stelle thematisiert. Eine Lücke verbleibt außerdem hinsichtlich der Rolle, welche den Museen im Bereich der interkulturellen Verständigung zukommt. Hierzu gäbe es ja einiges zu sagen, da die meisten Museumssammlungen kulturelle Vielfalt und Verflechtungen repräsentieren. Eine entsprechende kulturwissenschaftlich fundierte Einordnung hätte den Band abgerundet.

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