Der perfekte Ausstellungstext

Der perfekte Ausstellungstext

Mythos und Pragmatik gelungener visueller und sprachlicher Gestaltung

von Carsten Klodt

Berlin: Verlag BibSpider 2017, 150 Seiten, 26 EUR

ISBN 978-3-946911-00-5

 

 

(md) So wie es leider keine Schreibanleitung für einen Bestseller-Roman gibt, ebenso wenig kann es ein verbindliches Regelwerk für den perfekten Ausstellungstext geben. Das 150 Seiten umfassende Buch aus der Reihe „Leipziger Impulse für die Museumspraxis“ aus dem Jahr 2017 kommt entsprechend zum Fazit, dass sich Museologen seit Jahrzehnten hier an einem „Mythos“ abgearbeitet haben. Carsten Cloth hat 33 Veröffentlichungen zur Gestaltung von Ausstellungstexten verglichen und untersucht, welche Empfehlungen besonders häufig gegeben wurden und worüber ein allgemeiner Konsens besteht. Vom ältesten Text aus dem Jahr 1933 bis zum jüngsten aus dem Jahr 2015 hat der Autor alle wesentlichen Empfehlungen zudem in tabellarischen Übersichten dargestellt.

Das Ergebnis der aufwändigen Studie ist ernüchternd, da die Ausstellungs¬-macher sich offenbar auf ganz unterschiedliche Faktoren konzentrieren. Eine Auswertung nach Häufigkeit liefert nur vage Erkenntnisse: Nennenswerte Einigkeit herrscht lediglich über die Verwendung von Groß- und Klein¬schrei-bung und von linksbündigem Flattersatz bei der optischen Gestaltung sowie über leichte Verständlichkeit bei der inhaltlichen Gestaltung. Darüber, wie Verständlichkeit erreichbar ist, gehen die Ansichten wieder auseinander. 16 Veröffentlichungen empfehlen hierfür Kürze und Prägnanz.

Der Autor hat seine Analyse durch einige empirische Untersuchungen erweitert, die in Museen und Ausstellungen mit verschiedenen Gestaltungs-varianten von Texten durchgeführt wurden. Auch daraus lassen sich keine eindeutigen bzw. übertragbaren Befunde gewinnen. Des weiteren wurden die Veröffentlichungen auf veränderte Schwerpunkte im historischen Verlauf hin sprachliche Aspekte behandelt werden und insbesondere die Verwendung aktiver Verbformen und die Vermeidung von Füllwörtern favorisiert wird. Ein zusätzlicher Rekurs auf Literatur aus dem Bereich der Typografie bringt keine wirklich nutzbaren Einsichten.

Nichtsdestotrotz versucht der Autor in Kapitel 7 eine „Fortentwickelte Praxisanleitung für Ausstellungstexte“. Anstatt des gesuchten Regelwerks liefert er – veranschaulicht durch diverse Beispiele aus der Praxis – dann doch noch eine sinnvolle Zusammenschau der wichtigsten zu beachtenden Faktoren. Es wird ersichtlich, dass die Konzeption von Ausstellungstexten zunächst einmal von der gewählten Thematik der Ausstellung, von den Exponaten, dem Vermittlungsziel, aber auch von den unterschiedlichen Zielgruppen (Vorkenntnisse, Informationsbedarf etc.) abhängt. In der Regel werden in Ausstellungen mehrere Textebenen genutzt, die dann jeweils auch in ihrer Gestaltung unterscheidbar sein sollen. Aus der Einsicht in die selektive Nutzung durch die Besucher ergibt sich, dass jeder einzelne Text für sich funktionieren muß. Der heute in allen Bereichen der Vermittlung selbstverständliche Inklusionsgedanke ist sowohl in der visuellen Gestaltung („Augenhöhe“) als auch in der Verständlichkeit von Texten („leichte Sprache“) zu berücksichtigen. Um Textmengen zu reduzieren, werden Schaubilder, Grafiken, Illustrationen und Modelle empfohlen.

Auf die Möglichkeit des „Medienwechsels“,¬ wenn es um verschiedene Sprachvarianten und verschiedene Komplexitätsniveaus der Informationen geht, kommt Clodt nur am Rande zu sprechen (S.105). Aber gerade an diesem Punkt wird sich die Problemstellung durch die Digitalisierung grundlegend verändern: Für Ausstellungen eröffnet sie neue Wege der Vermittlung, indem sie für verschiedene Zielgruppen jeweils unterschiedliche Ansprache möglich macht. Die Museologen beschäftigen sich perspektivisch nicht mehr nur mit Texten sondern mit der Gestaltung von digitalen Vermittlungsangeboten.

Fazit: Das Werk ist als Literatursynopse und für den Aufriss der verschiedenen zu berücksichtigenden Elemente empfehlenswert. Ein Regelwerk kann und will es nicht liefern.

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